:

. Deutsche Sprachgeschichte






THEMA IX

Das morphologische System der deutschen Sprache in sprachgeschichtlicher

Beleuchtung (aus diachronischer Sicht )

I. Das Verb

1. Die grammatischen Kategorien des Verbs

2. Die morphologische Klassifikation der Verben.

3. Die thematischen und athematischen Verben.

1. Im Ahd. hatte das Verb die grammatischen Kategorien der Zeit, der Zahl,

dr Person, die Kategorie des Modus ( Indikativ, Konjuktiv, Imperativ ).

Aber die Kathegorie des Genus ( Aktiv - Passiv ) war noch nicht entwicklet.

Es fehlte das Passiv.

Die Kategorie der Zeit hatte nur zwei Formen fr drei Zeitstufen : das

Prsens, diente zum Ausdruck der Gegenwart und der Zukunft, und das

Imperfekt ( Prteritum ) zum wurde zum Ausdruck der Vergangenheit

gebraucht. Die analytischen Zeitformen Perfekt und Plusquamperfekt

entwickelten sich im Ahd. und Mhd. aus biverbalen Wortgruppen wie haben +

P.II , werden + P.II und sein + PII, in denen das II. noch deklinierbare

Form haben , z.B. Argangana uurun ahtu daga.( Es waren acht Tage vergangen

).

Die Kategorie dr Zahl war wie auch heute durch den Singular und Plural

vertreten.

Die Katgorie der Person besa dieselben Formen wie heute :

die erste, zweite und dritte P. im Sg. und Pl.

2. Die morphologische Klassifikation der Verben im Ahd. unterscheidet sich

von der in der deutschen Gegenwart., Wie auch heute gliedert man die ahd.

Verben in starke schwache und unregelmige nach der Art der Bildung des

Prteritums. Aber im Ahd. unterscheidet man noch thematische und

athematische Verben nach der Bildung des Prsens.

Starke Verben. Der Terminus "starke "und " schwache " Verben gehrt

J.Grimm. Unter starken Verben verstand er jene Schicht der uralten Verben,

die noch auf das Altgermanische zurckkommen, und die das Prteritum mit

Hilfe des Ablauts bilden:

helfan - half - hulfum - giholfan .( Inf. - Prs. Sg. - Prs. Pl. - P.II. )

Man teilt starke Verben in 7. Ablautreihen. Zu den schwachen Verben zhlte

J. Grimm die sptergebildeten Verben, die ihre Prteritumformen mit Hilfe

des Dentalsuffixes bilden : dionn -dionta.

Thematische Verben bilden das Prsens mit dem Suffix - i im Sg. und - a- im

Pl.:

geban - gibu - gibit- \\ gebams - gebe - gebant.

Dieses Suffix wird der Themavokal genannt, und die Verben mit diesem Suffix

- die

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thematischen Verben.

Die thematischen Verben sind : alle starken Verben und die schwachen Verben

der 1. Klasse.

Man unterscheidet im Ahd. drei Klassen der schwachen Verben - nach ihrem

stammbildenden Suffix :

I. Klasse - jan - teilen, zellen = thematischen Verben

II.Klasse - - dinon, salbn = athematische Verben

III. Klasse - - habn, folgn = athematische Verben

Die thematische Konjugation :

Prsens i / a

Sg. 1. faru Pl. farames gibu gebams

2. feris(t) faret gibis(t) geb-e-t

3. ferit farant gibit geb-ant

Die athematischen Verben behalten ihr stammbildendes Suffix , und

erhalten deshalb kein formenbildendes Suffix - den Themavokal.

Prsens Prteritum

1. dionom habem bant - buntum

2. dionost habes(t) bunti - buntut

3. dionot habet bant - buntun

Nach dieser Endung werden sie mi- Verben genannt. Im Mhd. ist die Endung

- m auer Gebrauch gekommen. Nach der Abschwchung der stammbildenden

Suffixe der schwachen Verben der II. und III. Klasse o, e zu e

unterscheiden sich nicht mehr von dem Suffix der I. Klasse. Und seitdem

bilden die schwachen Verben eine einheitliche Klasse.

Infolge der Abschwchung des Themavokals i/a zu e im Mhd. infolge seines

Schwunds in spterer Zeit ist der Ausgleich der Personalendungen der

thematischen und athematischen Konjugation vor sich gegangen. Nur der

Umlaut und die Brechung des Stammvokals in der 2., 3. P. Sg. der starken

Verken erinnert uns heutzutage an die alte thematische Konjugation.

Und die alte Endung - m, zu - n assimiliert, bewahrt nur die Verbform bin

( < bim ).

Zu den athematischen Verben zhlt man auer den schachen Verben der II. und

II.Klassen auch die unregelmigen Verben und die Prteritoprsentia.

Die Prteritoprsentia werden so bezeichnet, weil ihre Prsensformen alle

Merkmale des starken Prterits haben, und zwar : den Ablaut des Stammvokals

im Sg. und im Pl. und die Nullendungen in der 1.,3. P. Sg.

wi33an Prsens Prterit stgan ( I. Ablr.)

1.P. Sg. wei3 - steig -

1.P.Pl. wi33um stigum

Eigentlich sind ihre Prsensformen die ehemaligen umgedeuteten

Prteritumformen, die frher nicht nur Vergangenheit bezeichneten, sonsern

auch das Resultat der Handlung in der Gegenwart und spter die Gegenwart.

Die alten Prsensformen sind nicht berliefert worden, die neuen

Prteritalformen wurden mit dem Ablaut und dem Dentalsuffix - t - der

schwachen Verben gebildet:

ahd. scal - sculum - scolta .

Prteritoprsentia im Ahd. : wi33an, durfan ( bedrfen ), ( k )unnan,

scolan, magan ( vermgen - knnen ), mugan , toug ( es ntzt ), gitar ( er

wagt ), ginah ( es gengt ),

muo33un, eigun ( er besitzt ), an.( er gnnt ).

Die deutsche Gegenwartssprache besitzt 7 Prteritoprsentia : wissen + 6

Modalverben :

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mssen, sollen, knnen, drfen, wollen, mgen. Sie haben auch heute im

Prsens die Merkmale des starken Prterits : den Ablaut des Stammvokals und

die Nullendung in der 1., 3.Pl. Sg.

Zu den unregelmigen Verben gehren im Ahd. folgende Verben : 1. tuon,

gn, stn; 2. sn; 3. wellen ( wollen )

Die Prsensformen dieser Verben sind unregelmig, da sie im Gegensatz zu

den regelmigen Verben des Ahd. keinen Themavokal haben, und die

Personalendungen werden unmittelbar an das Wurzelmorphem angefgt. Aus

diesem Grunde nennt man sie athematische Verben. Auerdem haben sie in der

1.P. Sg. Prsens eine archaische gemeinindoeuropische Personalendung -m (

ai. -mi, griech. - mi, altruss. ,lat. sum.)

Prsens Singular.

1. tuo -m st-m( ste-n ) sta-m g-m (=) g-m ( ga-n)

2. tuo-s(t) ste-s(t) sta-s (t) ge-s(t) ga-s(t)

3. tuo-t ste- t sta-t ge-t ga-t

Plural

1. tuo-mes st-ms g-ms gm-es

2. tuo-t ste-t ge-t ga-t

3. tuo-ut st-n g-nt g -nt

Das Verb tuon besitzt auerdem eine eigenartige Prteritumform, z.B.

1.P.Sg. teta, die durch Reduplikation gebildet ist.

Prteritum

Sg. 1. teta ttum ( un ) Pl.

2. tti ttut

3. teta ttun

Das P. II. hat die starke Form gitan.

Die Verben gn, gn,stn, stn sind kurze zusammengezogene Formen der

Verben gangan und stantan . Im Prteritum und im P.II haben sie

vollstndige Formen.

Prt. Sg. gieng - Prt. Pl. giengum - PII. gigangan

stuont stuontum gistantan

2. wesan, sn. In allen i / e Sprachen hat das Verb des Seins ein aus

verschiedenen Wurzelmorphemen zusammengesetztes Paradigma. In den

germanischen Sprachen beteiligen sich am Paradigma dieses Verbs folgende

Wurzelmorpheme :

a) das i / e Wurzelmorphem es - und seine Nullstufe s - ( vgl. lat. esse,

altruss. , ,, ).

Prsens

Indikativ

Konjuktiv

Sg. 1. bim (-n ) Pl. 1. burum (-n) Sg. s Pl. sm (-n)

2. bist 2. birut n ss(t)

st

3. ist 3. sint s

sn

c) In allen Formen auer dem Prsens wird das starke Verb ahd. wesan, sein,

existieren ( V. Ablautreihe ) gebraucht :

Prt. 1.,3. P. Sg. was - 1.P.Pl. warum ( mit spter Aufhebung des

Konsonantenwechsel s - r ); Inf. wesan, spter durch sn verdrngt;

Imperativ 2.P.Sg. wis, 2. P.Pl. weset (auch st ); P.I. wesanti, spter

seiend ( vgl. heute anwesend, abwesend ). Das P.II fehlt im Ahd. ( mhd.

gewesen, gesin, nhd. gewesen )

4. wellen ( nhd. wollen ) Auch hier ist das Prsens eine umgedeutete

Prteritalform, und zwar Prt. Konjuktiv ( vgl. nhd. ich mchte = ich will

)

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Prsens

Sg. 1. willu Pl. wellemes Inf. wellen

2. wili wellet P. I wellenti

3. wili wellent Prt. wolta ( welta )

Im Mhd und im Nhd. vollzieht sich die Angleichung dieses Verbs an die

Prteritoprasentia.

Alle unregelmigen Verben bewahren ihren eigenartigen Formenbestand auch

in der deutschen Gegenwartssprache. Seit der mhd. Zeit schlieen sich ihnen

auch die Verben haben und werden und bringen an.

5. haben. Im Ahd. war es ein schwaches Verb der III Klasse, also ein

regelmiges Verb. Im Mhd. entwickelten sich im Prsens und Prteritum

kurze zusammengezogene Formen - haben > hn, habst > hast, habt > hat,

habta > hatte.

Deshalb zhlt man es zu den unregelmigen Verben.

6. werden . Im Ahd. war es ein starkes Verb der III. Ablautreihe : ahd.

werden - ward - wurtum - wortan ( d - t ).

Im Mhd. entstand infolge des Ausgleichs der Prteritalformen des Sg. und

des Pl. die Form wurde mit - e im Auslaut, was fr die 1. ,3. P.Sg. des

starken Prterits nicht typisch ist. Auerdem vollzog sich der Ausgleich

der Preritalformen der Verben dieser Ablautreihe nach der Singularform (

vgl. ahd. helfan - half - hulfum > mhd. half; werfan - warf - wurfum > mhd.

warf ) , nur das Verb weden erhielt die Form mit dem Pluralstamm : wurtum -

wurde.

Auch im Prsens hat es seit der mhd. Zeit kurze zusammengezogene Formen :

ahd. wirdes (t) - nhd. wird.

7. bringen. Dieses Verb wird zu den unregelmigen Verben gezhlt, weil

seine Prteritalformen mit dem Ablaut des Stammvokals wie bei den starken

Verben und mit dem Dentalsuffix - t - wie bei den schwachen Verben gebildet

sind : ahd. bringen - brachta - gebracht.

II. Das Substantiv.

1. Die Kategorien des Substantivs im Ahd., Mhd., Nhd.

2. Die Entwicklung des Deklinationssystems.

3. Der Artikel und die Kategorien der Bestimmtheit - der Unbestimmtheit.

1. Das Substantiv bewahrt im Ahd. die grammatischen Kategorien des Genus (

3 Geschlechten ), des Numerus ( Singular, Plural ) und des Kasus, die das

Urgermanische besa und es seinerseits aus dem Indoeuropischen bernommen

hatte. Auch der Flexionstyp der Substantive blieb im wesentlichen noch der

alte.

2. Man bestimmt die Deklinationstypen der Substantive im Ahd. nach den

stammbildenden Suffixen, da die alten Kasusendungen in vielen Fllen

geschwunden sind :

I. Vokalische Stmme :

a - Deklination ( m. tag, kuning, n. wort, houbit u.a. )- N.A. - taga

ja - Deklination ( m. hirti, n. kunni " Geschlecht"...)

wa - Deklination ( m. sno, n. kniu " Knie "... )

i - Deklination ( m. gast. scrit "Schrift ", f. kraft, fart... )

II. Konsonantische Stmme

n - Deklination ( m. namo, garto "Garten " , boto, herza, ouga ora " Ohr ",

zunga, sunna, wituwa ...)

nt - Deklination ( m. friunt, fiant " Feind " )

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r - Deklination ( m. bruoder, fater, f. muoter , tohter ... )

ir - Deklination ( n. lamb - lembir , kalb, huon, blat ... )

Im Ahd. und Mhd. vollzieht sich der Wandel der Deklinationsystems.

Entscheidend dafr war die Abschwchung der unbetonten Vokale in den

stammbildenden Suffixen, die zu Kasusendungen wurden. Unterschiedliche

Endungen a, o, i, u wurden zu - e abgeschwcht und im Mhd. verteilt man die

Substantive in zwei Deklinationstypen - starke und schwache Deklination -

nach dem grammatischen Geschlecht. Die vokalischen Stmme bilden die starke

Deklination mit dem Merkmal - der Genitivendung - s im Sg., die

konsonantischen n- Stmme liegen zugrunde der schwachen Deklination. Die

brigen konsonantischen Stmme schlossen sich der starken Deklination an.

Im Fnhd. entwickelte sich die Deklination der Feminina mit der Nullendung

im Sg.

Infolge der Abschwchung der unbetonten Vokale reduzierte sich die Zahl

der Kasusendungen von 43 auf 9 im Mhd. und auf 4 im Nhd.

3. Die Entwicklung des Artikels beginnt im Ahd. Zuerst entwickelt sich der

bestimmte Artikel ther, thiu, tha3 , dem ein Demonstartivpronomen zugrunde

liegt. Der bestimmte Artikel ist im Ahd. noch im Werden. Er wird nur mit

konkreten Substantiven gebraucht, um einen einzelnen Gegenstand zu

bezeichnen : z. B. :

Sliumo bringet tha3 erira giuuti. Bringt schneller das beste Gewand.

Im Ahd. kommen bereits vereinzelte Formen des unbestimmten Artikels vor :

"Einen kuning wue3 ich, hei3it her Hludwig.

Doch der regelmige Gebrauch des unbestimmten Artikels entwickelt sich

erst in der mhd. Zeit. Vgl. im " Nibelungenlied " :

Es wuochs in Burggonden ein viel edel magadin ...

sie wart ein schoene wip. ( Es wuchs in Burgund eine edle Jungfrau, ...

sie wurde zu

einer schnen Frau .)

Auf diese Weise entsteht seit Beginn der mhd. Zeit die Opposition

zwischen dem Substantiv mit dem bestimmten Artikel und dem Substantiv mit

dem unbestimmten Artikel, die die grammatische Kategorie der Bestimmtheit /

Unbestimmtheit zu einer vollentwickelten Kategorie prgt.

THEMA X .

Die Syntax der deutschen Sprache aus diachronischer Sicht.

1. Der einfache Satz.

2. Der zusammengesetzte Satz.

3. Die Negation.

1. Schon im Ahd. war die vorherrschende Satzform der zweigliedrige Satz mit

einer Subjekt - Prdikat - Struktur. z. B. : Sum man habeta zuuene suni.

Ein Mann hatte 2 Shne.

Wie in allen flektierenden Sprachen war die Wortstellung im Satz frei.

Das Prdikat konnte im Ahd. im Aussagesatz sowohl an der zweiten Stelle als

auch am Satzanfang und im Satzschlu stehen :

z. B. Araugta sich imo gotes engil." ( Es ) erschien ihm ein Engel

Gottes. "

Alla thesa naht arbeitende niuuih ni gifiengumes.

" Die ganze Nacht haben wir gearbeitet und nichts gefangen ".

Es lassen sich bereits im Ahd einige neue Tendenzen in der Satzgestaltung

verfolgen,

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die in der Folgezeit die Eigenart des deutschen Satzbaus prgten.

1) Die Tendenz zur Verbreitung der zweigliedrigen Satzstruktur auf den

unpersnlichen und unbestimmten-persnlichen Satz ( mit den Pronomen es und

man ).

2) Die Tendenz zur Entwicklung der Elemente der festen Wortstellung im

Satz , vor allem zur Bindung der Stelle des Prdikats und zur Entwicklung

der Umklammerung.

Diese Erscheinungen bestimmten weitgehend die Eigenart der Satzgestaltung

in der deutschen Gegenwartssprache.

2. Schon die ersten ahd. Sprachdekmler enthalten verschiedene Typen

komplexer ( zusammengesetzter ) Stze. Aber ihre Zahl ist gering im

Vergleich zu der deutschen Gegenwartssprache. Sie entwickelten sich spter,

in der Folgezeit.

Die Satzverbindung hat im Ahd ebenso wie in der Gegenwartssprache zwei

Hauptmodelle : konjuktionslose und konjuktionale Satzverbindung :

1) Einan kuning wei3 ih, hei3t her Hludwig.

2) Thanan tho Zacharias uuard gitruobit tha3 sehenti, inti fortha anafiel

ubar inan. " Zacharias war verwirrt, das sehend, und Furcht berfiel ihn ".

Die gebruchlichsten Konjuktionen waren inti, ioh = " ich ", ouh = "auch ",

doh = "doch " abur = "aber", odo = "oder". Aber es gab noch keine kausalen

und finalen Konjuktionalwrter wie denn, folglich, daher, darum,

infolgedessen u.a.

Das Satzgefge.

Das Ahd. besitzt Gliedstze fr alle Satzglieder, d.h. Subjekt, -Objekt-,

Prdikativ-, Adverbial- und Attributstze. Die Endstellung des Prdikats im

Gliedsatz, was die Gegenwartssprache prgt, gilt im Ahd. noch nicht als

Regel. Doch kam sie in den Gliedstzen schon hufig vor :

Thu weist,tha3 ih thih minnon.

" Du weit , da ich dich liebe. "

Da die Endstellung des Prdikats nur in Gliedstzen vorkommt, wird sie

allmhlich zum Prgemittel des Gliedsatzes.

Im Mhd. gab es wenige Neuerungen in der Entwicklung des Satzbaus. Nur die

Anfansstellung des Prdikats im Aussagesatz war aus dem Gebrauch gekommen.

Die Herausbildung verschiedener literarischer Gattungen sowie der

gelehrten Prosa und der Kanzlei - und Geschftsprosa in der

frhneuhochdeutschen Zeit, die politische und religise Literatur der

Reformationszeit Luthers, die Bemhungen der Humanisten um die deutsche

Sprache frderten die weitere Entwicklung der syntaktischen Struktur der

deutschen Sprache. Es kamen neue Konjuktionen auf, es entstanden neue

Modelle komplexer Stze .

Bereits im XII-XIV Jh. wurde die Voranstellung von Adjektivien,

Partizipien und Pronomen in den attributiven Wortgruppen vorherrschend.

Die Tendenz zur festen Stellung des Prdikats wurde erst im Ahd. zur

Regel. Auch die verbalen Klammer entwickelte sich bis in die nhd. Zeit.

ber den bergang von der doppelten Negation zur Gesamtnegation siehe

bei Moskalskaja ( 112. Seite 228 )

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Thema XI

Der Wortschatz der deutschen Gegenwartssprache in

sprachgeschichtlicher Beleuchtung.

Die althochdeutschen Sprachdenkmler zeugen davon, da die deutsche

Sprache schon in jener Zeit einen reichen Wortschatz besa . Neben den

Wrtern aus dem Bereich des alltglichen Verkehrs besa das Ahd. einen

reichen Schatz von Wrtern aus dem Bereich des Geisteslebens, der Dichtung,

der Viehzucht und des Ackerbaus, des Bau-, Rechts - und Heereswesens. In

den ahd. Sprachdenkmlern kommt das stndige Wachstum des Wortschatzes im

Zusammenhang mit der Entwicklung der feudalen Kultur, der klerikalen

Bildung, des Staats-und Rechtswesens, mit der bertragung zahlreicher

lateinischer theologischer und philosophischer Schriften in die deutsche

Sprache und der Schaffung der dazu notwendigen Terminologie zum Ausdruck.

Der deutsche Wortschatz bereicherte sich einerseits durch zahlreiche

Entlehnungen, andererseits durch Wortbildung. Die meisten Entlehnungen der

vor - und ahd. Zeit sind aus der lateinischer Sprache z. B. :

lat. secula - ahd. sihhila "Sichel "'lat. vinum - ahd wn "Wein ";

lat. pirum - ahd. bira "Birne ", lat. persica - ahd. pfersich "Pfirsich '

lat. via strata" Heeresstrae " - ahd. stra33a "Strae ".

Aus dem Latein sind auch die Monatsbezeichnungen entlehnt. Durch

Lehnbersetzungen entstanden die Namen der Wochentage ( die Siebentagewoche

wurde von den Germanen im III -V Jh. unter griechischen und rmischen

Einflu eingefhrt ) : lat. Martium - ahd. marzeo, merzo " Mrz ", lat.

Maius - ahd. meio " Mai ", lat. Augustus - ahd. augusto " August ", lat.

dies Solis - ahd. sunnntag " Sonntag ", lat. dies Lunac - ahd. manatag "

Montag ".

Aus dem Bereich des Kirchenlebens stammen die Wrter lat. claustrum -

ahd. klstar " Klostar ", lat. templum - ahd. tempal " Tempel ", lat.

monachus - ahd. munich " Mnch ", lat. crucem - ahd. krzi " Kreuz ".

In der Wortbildung spielen sowohl die Ableitung als auch die

Zusammensetzung eine groe Rolle. Die Ableitung der Substantive mit Hilfe

von Ableitungssuffixen :

ahd. trag - an - treg - ir " Trger " , ahd. hh - hh " Hhe " , rein -

reinida " Reinheit " , ahd. kunni " Geschlecht "- kun ing " Knig " , ahd.

friunt " Freund " - friunt -in "Freundin " .

Ein beliebtes Wortbildungsmittel ist in allen altgermanischen Sprachen

auch die Zusammensetzung, z.B. erd - biba " Erdbeben ", beta - hs "Bethaus

", " Kirche " , gast - hs " Gasthaus " , mitti - tag " Mitttag " , himil -

richi " Himmelreich " .

In der mhd. Zeit bereichert sich der Wortschatz nicht nur durch

Entlehnungen aus anderen Sprachen, in erster Linie aus dem Franzsischen,

sondern auch durch Bedeutungsentwicklung der terminologischen Lexik und der

Berufslexik, z.B. afr. tornei - ahd. turnei " Turnier " , aventure "

Abenteuer " .

Viele Wrter ndern ihre Bedeutung z.B. ahd. wp, nhd " Weib " - es war

im Ahd. eine Geschlechtsbezeichnung ( " " ).

Groe Bedeutung fr die Entwicklung der abstrakten Lexik hatten die

philosophischen Schriften der Mystiker im XII-XIV Jh. In dieser Zeit

entstanden die Wrter begreifen, Eigenschaft, Eindruck, Einflu, Zufall,

einsehen, bildlich...

Mit der Entwicklung der Geschftssprache beginnt die Entwicklung der

terminologischen Lexik und der Berufslexik, z.B. urkunde, brief " Dokument

", rat " Rat ", burger " Brger ", rihten, urteilen " richten " , arzat "

Arzt " , antwerker " Handwerker " , beker " Bcker " , gartner " Grtner "

, goldschmiede " Goldschmied "

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Die frhneuhochdeutsche Zeit brachte die Entwicklung von Handel und

Industrie, die strmische Reformation und die politischen Kmpfe des

Bauernkrieges, die Ausbreitung der deutschen Sprache auf immer neue Sphren

des gesellschaftlichen Lebens, der Wissenschaft und Kunst. Das alles rief

bedeutende Wandlungen im Wortschatz der werdenden deutschen

Literatursprache hervor.

Wie in den vorausgegangenen Epochen schwand ein Teil des alten

Wortschatzes, z.B. ahd. mihhil, mhd. michel und ahd. luzzil, mhd. ltzel

wurden durch " gro " und " klein " ersetzt. Das mhd. Wort arebit " Mhsal

", " Kampf " ndert seine Bedeutung : nhd. Arbeit; mhd. " Weisheit " , "

Klugheit, Wissenschaft ", " Kunst " - nhd. List . ( Siehe bei Moskalskaja ,

S. 207-210 ).

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